PRESS RELEASE

Kunstforum - Band 160, Juli / Juli 2002, Seite 409, AUSSTELLUNGEN 


Ordnung im Zwielicht


Zur Beziehung zwischen Ort, Skulptur und Installation William Engelen, Urs Frei, Toland Grinnell, Carina Randløv Württembergischer Kunstverein Stuttgart, 20.4. - 23.6.2002


WILLIAM ENGELEN, Doors for Walls, Englische Strasse 29, Berlin, 2002, mixed media. Foto: W. Engelen. Courtesy Württembergischer Kunstverein Stuttgart
Koffer wecken unsere Reiselust oder unseren -frust, wir assoziieren Gefühle des Freiseins und des Fernwehs oder wir leiden unter dem auferlegten Zwang zur Mobilität oder wir verspüren in der Rolle des Weltenbummlers das dringende Bedürfnis, wenigstens beim Schnüren der Habseligkeiten, Ordnung in das Chaos des Nomaden zu bringen. Toland Grinnell zeigt ein ganzes Sortiment variabel nutzbarer Schrankkoffer mit luxuriösem Innenleben in einer Ausstellung, die das Verhältnis zwischen dem Ort, der Skulptur und der Installation klären will. Im Museumsraum des Kunstvereins reihen sich diese edlen Objekte an zwei Wänden und sind - was eigentlich in diesem Zusammenhang zu erwarten wäre - nicht völlig funktionslos, sondern leben geradezu vom Ideenreichtum seines Erfinders im Hinblick auf mögliche Mobilität. Quasi als Ersatz für fest installierte Sanitär-Anlagen und in Stein gemauerte Wohnträume entwickelt Grinell statische oder transportable Objekte in der Kofferform: die Dusche mit dem Wassertank, das weiße Keramik-Bidet und die Metallwaschbecken für Sie und Ihn, den Schrankkoffer mit den Handtuch-Haltern, den Schrankkoffer mit dem Kamin und den Holzscheiten nebst Schlafzimmer inklusive 50 Kondomen und einem vergoldeten Vibrator. All das bewegt sich auf hohem standardisierten und durchgestylten Niveau - stets mit dem wiedererkennbaren T.G. Monogramm versehen. "Ordnung im Zwielicht" heißt diesmal die Ausstellung im Vierecksaal, in dem zuvor Raffael Rheinsberg seine Fundstücke ausgebreitet hatte. Offenkundig will der Kunstverein mit dem alten Klischee aufräumen, wonach bildnerische Ordnungssysteme zwangsläufig aus dem künstlerischen Chaos entspringen müssen. Und in der Tat: Ist es nicht so, dass neuerdings sozusagen als Antwort auf die kühl geordnete Ästhetik der concept-art Installationen mit einer fast abenteuerlichen Ansammlung scheinbar beliebig aufgetürmter Gerätschafen eine eher "dionysische" Ästhetik einfordern und den alten Schöpfungsmythos der Kunst wieder aufleben lassen? Haben sich da nicht zwei grundsätzlich unterschiedliche Richtungen einer Rauminszenierung entwickelt? Lebt etwa der alte Konflikt vernunftbetonter Aufklärung und romantischer Irrationalität auch nach dem vollzogenen Ausstieg aus dem Bilde fort? Das Ausstellungsprojekt "Ordnung im Zwielicht" will jedenfalls mit dem Verweis auf das gleichnamige (und 1987 erschienene) Buch des Philosophen Bernhard Waldenfels "dem Zirkel der Diskussion über die Universalordnung" entkommen und die Aufmerksamkeit nicht auf das Chaos, sondern auf das Außer-Ordentliche lenken. Doch dies zu erkennen wird dem Betrachter nicht immer gerade leicht gemacht. Die Dänin Carina Randløv hat zumindest die Ordnungssysteme soweit außer Kraft gesetzt, als sie einen regelrechten Kabelsalat angerichtet hat, um gegen einen fensterlosen Raum zu protestieren. Die Stecker befinden sich zwar ordnungsgemäß in den Dosen, die Elektrokabel sind aber hoffnungslos verknäult, einige Drähte sind durchgeschnitten und die Leitungen enden nicht da, wo sie hingehören, sondern verschwinden in einem klaffenden Loch der Decke: Das Betreten der Ausstellungsfläche ist auf eigene Gefahr. Nur gut, dass der Stromkreis nicht fließt. William Engelen aus Rotterdam reagiert hingegen nicht so heftig auf den Raum, weil er sein eigenes Atelier auf den Ort projiziert. Auf der Grundriss-Plattform wurde auf Wände verzichtet, lediglich die Türen blieben als transparente Fototafeln auf Plexiglas stehen. Der Schweizer Urs Frei überraschte schließlich damit, dass er nicht wie geplant zahllose Objekte in seine Installation integrierte, sondern ausschließlich dessen (Farb-)Spuren an der Wand bestehen ließ. Vielleicht eine ordnende Erkenntnis alsReaktion auf das künstlerische Chaos? Das war wohl nicht beabsichtigt.

Stuttgart - Martin Blättner

Installationsansicht "Ordnung im Zwielicht" im Württembergischen Kunstverein Stuttgart. Foto: Uwe H. Seyl

CARINA RANDLØV, Ohne Titel, 2002, mixed media. Foto: C. Randløv. Courtesy Württembergischer Kunstverein Stuttgart