Sterbliche Skulpturen
Dies ist die Führung durch einen Schwebezustand, durch ein unter der
Hand anwachsendes Labor. In ihm verändern sich
Skulpturkonstruktionen und Restabfälle nach dem gleichen
organischen Prinzip. Zugleich mit dem immerwährenden Verfall der
Materialien, der Zersetzung und Verrottung der Dinge, ereignet sich
in ihm eine fortlaufende Wucherung, eine nicht mehr willkürliche
Sammlung und Vernetzung elastischer Membranen, flexibler Stoffe,
Kleider und Werbemittel. Fragile Collagen von Abfallsäcken,
Schaumstoffausrissen und Visitenkarten verbinden sich überall im
Raum zu verknüpften Strukturen, zu einem selbstorganisierten
biologischen System aus Einwegwaren, dessen Erscheinungen den Raum
markieren wie ein Gitterraster, als Streuung des Materials und
zugleich als Orientierungssystem; so veränderlich und
partikular, das die erleichternde Einnahme einer Gesamtperspektive
unmöglich ist.
Die verwobenen, mal verklebten, mal gewaltsam von Stäben
perforierten und zu skelettösen Gestecken montierten
Warenrudimente gehören einer gemeinsamen Klasse an. Sie sind
Einwegmaterial; Material, das die Stufe seines Endverbrauchs erreicht
hat, Material, mit dem abzugeben sich nicht lohnt. Es geht weder um
seine Rettung vor der Verständnislosigkeit der professionellen
Abfallentsorgung, noch um den Nachweis seiner artifiziellen
Verwendbarkeit. Es geht um einen eigentümlichen Prozeß,
der naturfern und zugleich biologisch ist und nach seinen eigenen
Gesetzen alles, was sich im Raum befindet, ergreift. Carina Randløv
hat ein lernfähiges System installiert, bei dessen Betrachtung
man Spekulationen über eine Erfinderin und Urheberin gänzlich
vergißt. Um einen Spielplatz handelt es sich, auf dem sich
Ballons zu grellfarbenen Trauben verbinden, aufgeblasen und doch
ineinander verklebt, von farbigen Folienbändern vergurtet, wie
in Schmelze befindlich, wuchernd und zersetzt. Um einen
meeresbiologischen Trockenraum handelt es sich, in dem tanggleiches
Gummimaterial von der Decke hängt, porös vertrocknend, bis
es bricht. Eine Musterschau exterrestrischen Lebens wird hier
offeriert, in Ballungen organischer Formen, gebildet aus
schrumpfenden Ballonoberflächen, starr versiegelt mit
transparentem Fibermaterial. Die Formen ergießen sich in den
Raum, sie häufen sich oder steigen vom Boden zur Decke auf. Sie
sind Variationen von Möglichkeiten, Aggregatzustände
möglicher plastischer Formen, deren Charakteristikum die
Begrenzung ihrer Gültigkeit ist.
Die drei Stadien ihrer Entstehung entsprechen den drei Perspektiven
dieser Kunst. Was als Konglomerat der Stoffe beginnt, als Baukasten
überflüssiger Dinge, gewöhnlichster Relikte und
Industrieprodukte, breitet sich im Atelier aus wie eine symbiotische
Wohngemeinschaft, in der die heterogenen Formen und Objekte sich
zwischen den Alltagsgegenständen verbreiten wie ein
ethologisches Experiment über die Entstehung ästhetischer
Praxis. Dem Chaos folgt eine Transformation unmerklicher
Beunruhigungsgrade, in der die Verschmelzung und Verbindung und
schließlich die Veränderung und Zerstörung der
Oberflächen aus Einzelheiten Verklumpungen formt; Verklumpungen
freilich, die schweben wollen, leicht und fragil nach materiellem
Gewicht, irritierend vergänglich und destruktiv in den Prozessen
ihrer Verschmelzung. Die Videoaufnahmen der zerplatzenden Ballons,
deren absterbende Form von einem konservierenden Folienüberzug
in Erinnerung gehalten wird, sind Bilder eines Verwesungsprozesses,
der sich das farbenfrohe Spielmaterial aneignet und unaufhaltsam
verdaut. Am Ende ist diese Fäulnis nicht nur Verpuppung, sondern
Vernetzung. Die Gebilde gehen statische Verbindungen ein, bis sie
sich als selbständige Architekturen im Raum erheben, in
konstruktivistischen Flugmodellen vorübergehend Verwendung
finden oder zeitweilig bestehende Bauwerke auskleiden - als farbige
Alternative zu deren unverrückbarer Form und darum als schwer zu
entkräftender Widerspruch gegen die betonierte Normativität
der Gestaltungsmaßnahmen in einer ästhetischen
Entscheidungen ausgelieferten Öffentlichkeit.
Denn das ist die Zielrichtung des skulpturalen Experiments: Es handelt auf
virtuose Weise nicht nur von der Entstehung, sondern auch vom
Verschwinden der Kunst, von der möglichen Abfallentsorgung
bildnerischer Formen ebensosehr wie von den Bedingungen, unter denen
das ästhetische Spielmaterial zu einer dominanten Verformung
seiner Umwelt wird. Das ist das dreifach gestaffelte
Untersuchungsinteresse des Randløv’schen Molekularmodells:
Der Umschlag der Dekore, des Mülls und der Haushaltswaren in
Kunst; die parasitäre Bemächtigung des Raums durch diese
Kunst - und schließlich die beiläufige Versöhnungsgeste,
mit der sich die Integrität des Raums wiederherstellen läßt.
Kunst, meint dieses Rücknahmeprinzip, ist keine immaterielle
Idee. Sie konsumiert Materialien, Formen, sie absorbiert Energie.
Ihre Verästelungen bilden ein Gespinst aus Arbeitsleistungen und
Deformationen. Sie ergreift Objekte und Menschen und vernetzt sie zu
einem System. Carina Randløv untersucht die Stufenfolge, in
der dieses System entsteht, aufblüht und zusammenbricht. Sie
kritisiert die Unterscheidung zwischen Ausstellung und Herstellung
als einen willkürlichen Schnitt. Das fixierte Artefakt ist für
sie eine tote Gewebeprobe, die ihren möglichen Widerruf und ihr
denkbares Ende ignoriert. So entstehen Formproben, Objektstudien, die
sich nur als Stichproben ansehen lassen. Ihre Unbeständigkeit
macht die Betrachtung zu einer Gedächtnisleistung im Umgang mit
unbeständigen Mustern möglicher Skulpturen. Die filigrane
Eleganz dieses Larvenstadiums zwischen Montage und Zerfall ist
vielleicht nur ein Trick, der die Aufmerksamkeit auf eine Ästhetik
der Veränderlichkeit lenkt. Das ändert an ihrer Schönheit
nichts.
Gerrit Gohlke<